Warum die 40er die wichtigste Dekade sind
Die meisten Männer fühlen sich mit 45 noch gut. Genau das ist das Problem. Arteriosklerose (die langsame Plaquebildung in den Gefäßen) startet nicht mit 60. Sie läuft seit den 20ern, und bei einer relevanten Minderheit gesund wirkender Männer ist sie in den 40ern still schon weit fortgeschritten.
Die ESC/EAS-Leitlinie 2019 zu Dyslipidämien (European Heart Journal) ist hier klar. Ziel ist die Senkung der lebenslangen Exposition gegenüber atherogenen Partikeln. Nicht das Warten auf den ersten Herzinfarkt.
Der entscheidende Laborwert heißt Apolipoprotein B (ApoB), eine einzige Zahl, die jedes atherogene Lipoprotein zählt (LDL, VLDL, IDL, Lp(a)). Das alte Gesamt- und LDL-Cholesterin verfehlt die echte Partikelzahl bei rund einem Viertel der Männer, vor allem bei metabolischem Syndrom oder Insulinresistenz. Einmal in deinen 40ern ApoB beim Hausarzt bestimmen lassen ist einer der wertvollsten Werte deines Lebens.
Dazu kommt Lipoprotein(a) (Lp(a)), ein genetisch festgelegter Risikofaktor, unabhängig vom LDL und von Statinen kaum beeinflussbar. Der Konsens der European Atherosclerosis Society von 2022 (European Heart Journal) sagt klar: Lp(a) mindestens einmal im Erwachsenenleben messen, bei allen. Werte über ~50 mg/dl (≈125 nmol/l) gelten als Risikoverstärker. Bei ~100 mg/dl verdoppelt sich das atherosklerotische Risiko ungefähr, und das ändert, wie aggressiv du und dein Arzt den Rest managen solltet. Wie du ApoB und Lp(a) konkret in DACH testest, steht ausführlich im Guide zu ApoB und Lp(a).
Die Denkverschiebung ist simpel. Du behandelst in den 40ern keine Krankheit, du kaufst dir Jahrzehnte. Und die billigste Dekade, die du kaufen kannst, ist die, die noch nicht angefangen hat.
Testosteron ehrlich: brauchst du wirklich TRT?
Kein Thema in der Männergesundheit ist so vom Marketing verzerrt wie Testosteron. Eine echte medizinische Diagnose (Hypogonadismus) steht neben einem realen Alters-Effekt. Beides braucht sehr unterschiedliche Antworten.
Der Alters-Effekt ist real, aber überschätzt. Das Gesamttestosteron sinkt ab dem 30. Lebensjahr im Schnitt rund 1 % pro Jahr, mit großer Streuung zwischen Männern. Die European Male Aging Study (NEJM 2010) zeigte: echter Late-Onset-Hypogonadismus (niedriges Testosteron plus Symptome) betrifft nur etwa 2 % der Männer von 40 bis 79. Männer mit etwas niedrigeren Werten liegen meist noch im breiten Normalbereich. Oder ihre Werte sind durch Übergewicht, unbehandelte Schlafapnoe, Alkohol oder chronischen Stress gedrückt. Alles reversibel.
Die medizinische Indikation ist eng definiert. Die Leitlinie der Endocrine Society (2018) empfiehlt eine Testosteron-Ersatztherapie nur bei dauerhaft niedrigem Gesamttestosteron in zwei separaten Morgenmessungen plus klinischen Symptomen einer Androgendefizienz. Die EAA-Leitlinie 2020 und ICSM 2024 sehen das genauso. Ein einzelner grenzwertig niedriger Wert in einer stressigen, schlafarmen Phase ist keine Diagnose.
TRAVERSE 2023 hat die Sicherheitsfrage teilweise geklärt. Die Studie (NEJM 2023) war die bisher größte randomisierte kardiovaskuläre Sicherheitsstudie zur Testosterontherapie bei Männern mit Hypogonadismus und kardiovaskulärem Risiko. Sie fand Testosteron nicht unterlegen gegenüber Placebo für schwere kardiovaskuläre Ereignisse über durchschnittlich 33 Monate. Beruhigend für die indizierte Population. Kein Freibrief für TRT als Anti-Aging-Mittel bei Männern mit normalen Werten.
Das Kleingedruckte zu TRAVERSE. Dieselbe Studie meldete im Testosteron-Arm ein paar Signale, die in jedes ehrliche Aufklärungsgespräch gehören. Jeweils Testosteron gegen Placebo:
- Vorhofflimmern: 3,5 % vs. 2,4 %
- akutes Nierenversagen: 2,3 % vs. 1,5 %
- Lungenembolie: 0,9 % vs. 0,5 %
Das MACE-Ergebnis (Major Adverse Cardiovascular Event, der zusammengesetzte Endpunkt aus Herzinfarkt, Schlaganfall und Herz-Kreislauf-Tod) ist beruhigend. Die anderen Signale zählen besonders bei Männern mit Thrombose-Vorgeschichte, Nierenerkrankung oder Rhythmusproblemen.
Zum Lebensstil. Schlaf, Körperzusammensetzung, Training, Alkohol und Stoffwechselgesundheit beeinflussen dein eigenes Testosteron real. Die Effektgrößen sind aber moderat. Ein validiertes „natürliches T-Booster”-Supplement gibt es nicht, und die meisten Werbeversprechen halten der Evidenz nicht stand.
Vorsicht vor Low-T-Kliniken. Eine wachsende Zahl von Kliniken (auch zunehmend in München, Wien und Zürich) vermarktet Testosteron aggressiv als Vitalitätslösung, teils auch für Männer ohne klinisch niedrige Werte. Bestehe auf zwei Morgenmessungen, einer echten Symptomerhebung und einer Abklärung von Übergewicht und Schlafapnoe. Und auf einen Arzt (Urologe, Endokrinologe, erfahrener Hausarzt oder Wahlarzt), nicht auf einen Verkäufer. Die volle Tiefe zu Präparaten, Applikationswegen und Risikoprofilen findest du im Leitfaden zur Hormonersatztherapie (HRT/TRT).
Wie viel Krafttraining brauchst du ab 40?
Magermuskelmasse und Greifkraft sagen in vielen Studien die Gesamtsterblichkeit voraus. Im Muskel sitzt außerdem ein großer Teil deiner Insulinsensitivität. Die Dekade, in der du Muskel am günstigsten schützen kannst, ist jetzt.
Das Modell. Der überarbeitete EWGSOP2-Konsens (Age and Ageing 2019) definiert Sarkopenie (altersbedingten Muskelschwund) primär über niedrige Muskelkraft, bestätigt durch Muskelmenge und -qualität. Das Screening ist simpel: Wie schwer kannst du heben, wie schnell stehst du vom Stuhl auf, wie stark ist dein Händedruck. Verlierst du Kraft in den 40ern und 50ern schneller als der Durchschnitt, wird Sarkopenie in den 70ern deutlich wahrscheinlicher.
Krafttraining ist nicht ersetzbar. Zwei bis vier Krafteinheiten pro Woche, mit Kniebeuge, Hüftgelenksstrecker (Hinge), Drücken, Ziehen und Tragen, sind das wissenschaftlich am besten belegte Training für die Healthspan in der Lebensmitte. Progressive Belastungssteigerung schlägt jeden Trainingsplan. Kombiniere das mit regelmäßigem Zone-2-Ausdauertraining (Unterhaltungstempo, ein paar Stunden pro Woche) und gelegentlich intensiveren Einheiten. Große prospektive Analysen zeigen konsistent: Wer die Bewegungsempfehlungen erreicht oder übertrifft, hat eine deutlich niedrigere Gesamtsterblichkeit. Bei Gesunden und bei Herzpatienten.
Protein. Mit dem Alter steigt der Bedarf. Der Konsens für ältere Erwachsene empfiehlt grob 1,0 bis 1,2 g Protein pro kg Körpergewicht pro Tag, bei Aktiven oder nach Krankheit bis ~1,5 g/kg/Tag. Die praktische Lektion: Triff bei den meisten Mahlzeiten ein echtes Proteinziel. Besonders beim Frühstück, das bei vielen Männern aus Croissant, Müsli und Marmelade besteht und kaum Eiweiß liefert.
Hab keine Angst vorm Heben. Mehrgelenkige Übungen mit moderater bis hoher Intensität sind bei gesunden Erwachsenen nicht gefährlich. Sie sind schützend. Wenn du nie trainiert hast, nimm dir für sechs bis zwölf Wochen einen Trainer. Die Investition in Technik mit 45 zahlt sich Jahrzehnte aus.
Welche Herz-Werte zählen wirklich?
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in DACH und den USA bei Männern weiterhin Todesursache Nummer eins. Die 40er und 50er sind das Zeitfenster, in dem der größte Teil des modifizierbaren Schadens entsteht. Und in dem Prävention am stärksten wirkt.
Werte, die du kennen solltest. Über Gesamt- und LDL-Cholesterin hinaus einmal fragen nach: ApoB, Lp(a), HbA1c (Langzeit-Blutzuckerwert über die letzten drei Monate), Nüchtern-Insulin (oder HOMA-IR), hochsensitives CRP (hsCRP, Marker für stille Entzündung), kleines Leberprofil. Die ESC/EAS-Leitlinie 2019 (European Heart Journal) arbeitet mit risikobasierten LDL/ApoB-Zielwerten. Dein „normaler” Laborbereich ist nicht dasselbe wie dein individuelles Ziel, wenn du erhöhtes Lp(a), eine starke Familienanamnese oder ein metabolisches Syndrom hast.
Blutdruck zu Hause messen, nicht erst in der Praxis. Der Weißkittel-Effekt addiert routinemäßig 5 bis 15 mmHg. Ein günstiges Oberarm-Messgerät (nicht Handgelenk) ist eine der besten Longevity-Investitionen unter 50 Euro.
Viszeralfett. Der Bauchumfang ist grob, aber nützlich. Ein Umfang dauerhaft über ~94 cm erhöht das metabolische Risiko, über ~102 cm deutlich. Der Mechanismus, der Bauchfett, Insulinresistenz, Fettleber und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbindet, ist derselbe. Wer eine Stellschraube dreht, hilft meist auch den anderen.
Alkohol. Die ehrliche Bilanz. Die bislang größte Individualdaten-Metaanalyse von knapp 600.000 Trinkenden (Lancet 2018) fand: Das Gesamtsterblichkeitsrisiko steigt jenseits von etwa 100 g reinem Alkohol pro Woche. Das sind ungefähr 8 bis 10 deutsche Standardgetränke zu je 10 bis 12 g Reinalkohol. Eine saubere „Schutzdosis” gibt es nicht. Für Männer, deren Sozialleben sich um Wiesn, Stammtisch, Heurigen, Après-Ski oder das Feierabend-Hoibe dreht, geht es nicht um Moral, sondern um ehrliche Selbstwahrnehmung. Ein, zwei schwere Wochen pro Monat durch leichte oder alkoholfreie zu ersetzen ist realistisch und wirksam. Alkoholfreies Bier ist nach Sterblichkeitsdaten ein besserer Freund als sein alkoholischer Cousin.
Rauchen. Wer noch raucht, hat hier den größten Hebel. Vapen ist keine Dauerlösung, aber als Übergang besser als Weiterrauchen.
Schlaf, Psyche, Prostata: worauf solltest du achten?
Schlafdauer. Der Konsens für Erwachsene empfiehlt 7 bis 9 Stunden pro Nacht. Chronisch zu kurzer Schlaf ist assoziiert mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen, Demenzrisiko und niedrigem Testosteron. Wenn du dir seit Jahren einredest, dass du mit sechs Stunden auskommst, stimmt das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht.
Schlafapnoe ist der unterschätzte Killer. Die obstruktive Schlafapnoe (nächtliche Atemaussetzer durch kollabierende Atemwege) ist bei Männern 40+ massiv unterdiagnostiziert. Vor allem bei Schnarchern, Übergewichtigen oder breiten Halsumfängen. Sie treibt still Bluthochdruck, Fatigue, Vorhofflimmern und niedriges Testosteron. Wenn deine Partnerin von Schnarchen oder Atemaussetzern berichtet, oder du nicht erholt aufwachst, sprich beim Hausarzt ein Schlafscreening an. Vieles bessert sich mit Gewichtsverlust, Lagerungstherapie oder CPAP (nächtliche Überdruckmaske).
Psychische Gesundheit in der Lebensmitte. Depression bei Männern in der Lebensmitte zeigt sich oft als Reizbarkeit, Rückzug, Interessensverlust, vermehrtes Trinken und ein „taubes” Lebensgefühl. Nicht als klassische Traurigkeit. Viele Männer schieben das jahrelang auf Beruf oder Testosteron, während die eigentliche Ursache eine Depression ist. Die Suizidraten bei Männern mittleren Alters sind in DACH und den USA dauerhaft hoch. Wenn sich etwas länger als zwei Wochen falsch anfühlt, sprich mit deinem Hausarzt oder Wahlarzt. Oder ruf in Deutschland die Telefonseelsorge unter 0800 111 0111 (kostenlos, 24/7) an, das Männerhilfetelefon 0800 123 99 00 (Mo-Do 08-20, Fr 08-15 Uhr; aktueller Auftrag des Betreibers umfasst ausdrücklich häusliche, sexualisierte, psychische, Stalking-, Mobbing-, Kindheits-, digitale und Zwangsheirats-Gewalt sowie allgemeine Notlagen jenseits körperlicher Gewalt), in Österreich die Telefonseelsorge 142, in der Schweiz Die Dargebotene Hand 143. Hilfe holen ist kein Hormonproblem.
Prostata-Screening, die differenzierte Version. Das PSA-Screening ist eines der umstrittensten Themen der Männergesundheit. Die europäische ERSPC-Studie (European Urology 2019) zeigte: PSA-Screening reduziert die prostatakrebs-spezifische Sterblichkeit nach 16 Jahren um etwa 20 %. Die US-amerikanische PIVOT-Studie (NEJM 2017) randomisierte Männer mit lokalisiertem Prostatakrebs zu radikaler Prostatektomie oder Beobachtung. Sie fand nach 19,5 Jahren keinen signifikanten Unterschied in der Gesamt- oder krebsspezifischen Sterblichkeit, mit relevanten OP-bedingten Nebenwirkungen. Eine SEER-Analyse (Hu et al., 2017) bestätigte real-world hohe Inkontinenz- und Impotenzraten nach radikaler Prostatektomie. Übergeordnete Evidenzreviews zeigen also: moderater Mortalitätsnutzen durch Screening, reale Schäden durch Überdiagnose und Übertherapie.
Die aktuelle europäische S3-Leitlinie der DGU/DKG und vergleichbare US-Empfehlungen konvergieren auf partizipative Entscheidungsfindung ab 45 bis 50 Jahren (früher bei familiärer Belastung, BRCA-Trägern oder afrikanischer Abstammung), mit Baseline-PSA zur Steuerung der Nachsorgefrequenz. In der Schweiz und in Österreich ist das Bild ähnlich. Die richtige Antwort ist ein Gespräch, kein Reflex.
Wie baust du deinen Check-up?
Die meisten Männer in DACH nutzen die verfügbaren Check-ups zu wenig. Eine realistische Struktur für deine 40er:
Deutschland. Die gesetzliche Krankenkasse zahlt die Gesundheits-Untersuchung (früher „Check-up 35”), in der Regel alle drei Jahre ab 35. Sie umfasst Blutdruck, Basis-Blutzucker und Cholesterin, Urinstatus und eine klinische Untersuchung. Sie umfasst nicht ApoB, Lp(a), Nüchtern-Insulin, hsCRP oder ein detailliertes Hormonprofil. Die meisten dieser Werte sind als IGeL (Individuelle Gesundheitsleistung) oder Selbstzahlerleistung über deinen Hausarzt oder eine präventivmedizinische Praxis zu bekommen. Frag explizit danach.
Österreich. Die Vorsorgeuntersuchung ist für Versicherte ab 18 kostenfrei und breit angelegt. Viele Männer gehen zusätzlich zum Wahlarzt (außerhalb des Kassensystems) für schnellen Zugang zum Urologen, Internisten oder Andrologen, typischerweise mit teilweiser Refundierung durch die Krankenkasse. Für Themen wie Testosteron oder PSA-Entscheidungen ist ein Wahlarzt-Urologe oft der praktischste Weg.
Schweiz. Nach Erfüllung der Franchise zahlt die Grundversicherung Arztbesuche. Zusätzliche präventive Laborwerte sind meist Selbstzahler. Sprich mit deinem Hausarzt und ergänze, was fehlt.
Praktisches Menü in deinen 40ern. Einmal: Lp(a), volles Lipidprofil inklusive ApoB, HbA1c, Nüchtern-Insulin, hsCRP, TSH, Ferritin, Vitamin D, Gesamttestosteron (morgens), SHBG, Baseline-PSA. Baseline-EKG mit dem Arzt besprechen. Jährlich oder zweijährlich: Blutdruck (zu Hause), Lipide, HbA1c, Basisstoffwechsel, Gewicht und Bauchumfang, Schlaf- und Alkohol-Review. Ab Ende 40: Koronarkalk-Score (CAC, CT-Messung der Verkalkung in den Herzkranzgefäßen) bei mittlerem Risiko oder starker Familienanamnese; Darmkrebs-Vorsorge per Koloskopie ab 50 (in Deutschland Kassenleistung ab 50 für Männer, in Österreich Vorsorge-Koloskopie ab 50, früher bei familiärer Belastung); fortlaufende PSA-Diskussion.
Der Sinn des Check-ups ist nicht, Werten hinterherzulaufen. Sondern eine langfristige Beziehung zu einer Hausärztin, einem Hausarzt oder Wahlarzt aufzubauen, die deine Verlaufskurve kennt. Die Männer, die mit 75 noch fit sind, haben das meistens in den 40ern angefangen.
Häufig gestellte Fragen
Sollte ich mein Testosteron testen lassen?
Nur, wenn du Symptome hast (Libidoverlust, anhaltende Müdigkeit, Erektionsstörungen, Verlust morgendlicher Erektionen, Stimmungsveränderung, Kraftverlust trotz Training). Und idealerweise erst, wenn du Lebensstil-Stellschrauben (Schlaf, Gewicht, Alkohol) angegangen bist. Sinnvoll ist Gesamttestosteron an zwei separaten Morgenden plus SHBG. Ein einzelner grenzwertig niedriger Wert in einer stressigen Phase ist keine Diagnose. Bei niedrigen Werten plus Symptomen: zum Urologen oder Endokrinologen (gemäß Endocrine Society 2018 und aktueller europäischer Urologie-Leitlinie).
Ist eine Testosteron-Ersatztherapie sicher?
Bei korrekt diagnostiziertem Hypogonadismus zeigte die bisher größte randomisierte kardiovaskuläre Sicherheitsstudie (TRAVERSE, NEJM 2023) TRT als nicht unterlegen gegenüber Placebo für schwere kardiovaskuläre Ereignisse über durchschnittlich 33 Monate. Das ist beruhigend für die indizierte Population. Es ist kein Freibrief für TRT als allgemeines Anti-Aging-Mittel bei Männern mit normalen Werten. Langzeiteffekte über mehrere Jahre und Effekte bei normalen Ausgangswerten sind nicht gut charakterisiert.
Brauche ich wirklich ein PSA-Screening?
Vermutlich ja, mit partizipativer Entscheidung. Die europäische ERSPC-Studie (2019) zeigte eine Senkung der Prostatakrebs-Sterblichkeit nach 16 Jahren um etwa 20 %. Der Preis sind Überdiagnose und Übertherapie von Karzinomen, die nie geschadet hätten. Die PIVOT-Studie (NEJM 2017) fand für lokalisierten Prostatakrebs keinen signifikanten Mortalitätsunterschied zwischen radikaler Prostatektomie und Beobachtung nach 19,5 Jahren. Mit relevanten OP-bedingten Nebenwirkungen (Hu et al., 2017). Die meisten Leitlinien empfehlen heute ein Gespräch mit dem Arzt mit 45 bis 50 (früher bei familiärer Belastung oder BRCA-Trägern). Der Baseline-PSA bestimmt die Häufigkeit der weiteren Kontrollen.
Wie oft Krafttraining ab 40?
Zwei bis vier Ganzkörper- oder Ober-/Unterkörper-Einheiten pro Woche sind der evidenzbasierte Sweet Spot, mit Kniebeuge, Hüftgelenksstrecker, Drücken, Ziehen und Tragen. Progressive Belastungssteigerung ist wichtiger als der Split. Wenn du neu einsteigst, nimm dir für 6 bis 12 Wochen einen Trainer. Technik mit 45 zahlt sich Jahrzehnte aus. Dazu Zone-2-Cardio und gelegentlich intensivere Intervalle.
Ist Bier in Maßen okay?
Die bislang größte Individualdaten-Metaanalyse (Wood et al., Lancet 2018) fand, dass das Gesamtsterblichkeitsrisiko jenseits von etwa 100 g Reinalkohol pro Woche steigt. Rund 8 bis 10 deutsche Standardgetränke (je 10 bis 12 g Reinalkohol). Eine klare Schutzdosis gibt es nicht. Trotzdem: Wiesn, Stammtisch, Heuriger und Après-Ski sind real, und Abstinenz-als-Tugend ist nicht die Botschaft. Ehrliche Wahrnehmung schon. Alkoholfreie Optionen sind in DACH inzwischen wirklich gut. Ein paar Abende damit verändern die Wochenbilanz spürbar.
Wechseljahre beim Mann, gibt's das wirklich?
Nicht im gleichen physiologischen Sinn wie bei Frauen. Testosteron bei Männern fällt graduell, nicht abrupt, und die meisten Männer werden allein vom Alter nicht symptomatisch. Die EMAS-Studie (NEJM 2010) fand echten Late-Onset-Hypogonadismus bei nur ~2 % der Männer 40 bis 79. Was im Volksmund „Wechseljahre beim Mann” heißt, ist meist eine Mischung aus normalem Altern, Lebensstress, Schlafdefizit, Gewichtszunahme, Alkohol und manchmal Depression. Themen, die besser auf Lebensstil-Veränderung und ggf. psychotherapeutische Unterstützung reagieren als auf Testosteron.
Was ist die wichtigste einzelne Sache, die ich dieses Jahr tun kann?
Wenn sonst nichts: Lp(a) einmal messen lassen, ApoB einmal messen lassen, mit dem Hausarzt durchsprechen, und mit progressivem Krafttraining zweimal die Woche anfangen oder weitermachen. Diese drei Schritte verändern mehr an deinen 70ern als jeder Supplement-Stack.
Quellen
- Wu FC, Tajar A, Beynon JM, Pye SR, Silman AJ, et al. (European Male Aging Study Group). (2010). Identification of Late-Onset Hypogonadism in Middle-Aged and Elderly Men. New England Journal of Medicinedoi:10.1056/NEJMoa0911101
- Bhasin S, Brito JP, Cunningham GR, Hayes FJ, Hodis HN, et al.. (2018). Testosterone Therapy in Men With Hypogonadism: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolismdoi:10.1210/jc.2018-00229
- Corona G, et al.. (2020). European Academy of Andrology (EAA) Leitlinie zur Diagnose und Behandlung des funktionellen Hypogonadismus beim Mann. Andrologydoi:10.1111/andr.12770
- Khera M, Torres LO, Grober ED, Morgentaler A, Miner M, Jones TH, Mills JN, Salonia A. (2025). Male hypogonadism: recommendations from the Fifth International Consultation on Sexual Medicine (ICSM 2024). Sexual Medicine Reviewsdoi:10.1093/sxmrev/qeaf036
- Lincoff AM, Bhasin S, Flevaris P, Mitchell LM, Basaria S, et al. (TRAVERSE Study Investigators). (2023). Cardiovascular Safety of Testosterone-Replacement Therapy. New England Journal of Medicinedoi:10.1056/NEJMoa2215025
- Cruz-Jentoft AJ, Bahat G, Bauer J, Boirie Y, Bruyère O, et al. (EWGSOP2). (2019). Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis. Age and Ageingdoi:10.1093/ageing/afy169
- Mach F, Baigent C, Catapano AL, Koskinas KC, Casula M, et al.. (2019). 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias: lipid modification to reduce cardiovascular risk. European Heart Journaldoi:10.1093/eurheartj/ehz455
- Kronenberg F, Mora S, Stroes ESG, Ference BA, Arsenault BJ, et al.. (2022). Lipoprotein(a) in atherosclerotic cardiovascular disease and aortic stenosis: a European Atherosclerosis Society consensus statement. European Heart Journaldoi:10.1093/eurheartj/ehac361
- Hugosson J, Roobol MJ, Månsson M, Tammela TLJ, Zappa M, et al. (ERSPC investigators). (2019). A 16-yr Follow-up of the European Randomized study of Screening for Prostate Cancer. European Urologydoi:10.1016/j.eururo.2019.02.009
- Wilt TJ, Jones KM, Barry MJ, Andriole GL, Culkin D, et al.. (2017). Follow-up of Prostatectomy versus Observation for Early Prostate Cancer (PIVOT). New England Journal of Medicinedoi:10.1056/NEJMoa1615869
- Hu JC, Gandaglia G, Karakiewicz PI, Nguyen PL, Trinh QD, et al.. (2017). Comparative Effectiveness of Robot-Assisted vs. Open Radical Prostatectomy (SEER-Medicare real-world outcomes). European Urologydoi:10.1016/j.eururo.2013.11.044
- Wood AM, Kaptoge S, Butterworth AS, Willeit P, Warnakula S, et al.. (2018). Risk thresholds for alcohol consumption: combined analysis of individual-participant data for 599 912 current drinkers in 83 prospective studies. The Lancetdoi:10.1016/S0140-6736(18)30134-X
Verwandte Ratgeber
Bewegung für Langlebigkeit
Die besten Arten und Mengen von Bewegung für ein längeres Leben
Peter Attia & Outlive auf Deutsch
Die Four Horsemen, Medicine 3.0 und der Centenarian Decathlon: Attias Kernideen, für ein DACH-Publikum erklärt.
Selbstzahler-Longevity in Deutschland
Welche Longevity-Leistungen die Kasse übernimmt, welche du privat zahlst, was sie typischerweise kosten und ob sich eine Zusatzversicherung lohnt
ApoB und Lp(a): Die Herz-Marker, die kaum getestet werden
Warum ApoB jetzt LDL-C ablöst, was Lp(a) als genetisches Risiko bedeutet und wie du beide Tests in DE, AT und CH bekommst.
Hormonersatztherapie & TRT: Protokolle und ehrliche Evidenz
Was die WHI-Reanalyse wirklich gedreht hat. Was die T-Trials und TRAVERSE 2023 gezeigt haben. Und wie HRT/TRT in DACH tatsächlich verordnet werden.
Die hier bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich Bildungszwecken. Longevity Cities bietet keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Suche bei Fragen zu medizinischen Zuständen immer den Rat qualifizierter Gesundheitsdienstleister.
